Martin Schmidler



Technologie, Politik, Gesellschaft, Musik, Gedanken.


“Abendland” – Europa, quo vadis?

“Abendland” ist einer dieser seltenen Filme, nach denen man beim Abspann im Kinosessel versinkt und nicht sofort weiß, was man eigentlich gesehen hat, Zeit zum reflektieren benötigt. Der Film von Nikolaus Geyrhalter, der bereits mehrere Dokumentationen produziert und dabei Regie geführt hat (u.a. “Unser täglich Brot”) gibt kein Statement ab und tut es doch. Der Vorstellung, die ich am 8. November im Metro-Kino besuchte, schloss sich eine Diskussionsrunde an. Mit dabei der Regisseur himself, Dirk Fassbender (ein Vertreter der EU, der in Wien arbeitet), Nadja Lorenz, einer Anwältin im Bereich Asyl/Migration, Eva Schindlegger, ebenfalls Rechtsanwältin, der stellvertretende Zara-Obmann Bernhard Perchinig sowie Petja Dimitrova, Mitorganisatorin des Migrantenstreiks.

Ein Kontinent bei Nacht.

Einige der eindrucksvollsten Momente des Films waren für mich persönlich die Räumung eines Lagers in Montenegro (höchstwahrscheinlich Angehörige der Roma), das Oktoberfest in München – Massenunterhaltung in Reinkultur (der psychische Druck auf die dort Beschäftigten ist unglaublich), die Überwachung einer Stadt mittels CCTV-Kameras in Großbritannien, das babylonische Sprachengewirr bei einer EU-Sitzung und deren abruptes Ende, ein “Heim” (abgesichert eher wie ein Gefängnis) für Asylwerber und die Beratung eines Mannes über seine Möglichkeit zur freiwilligen Rückkehr (“99% erhalten ohnehin einen negativen Bescheid”), die penible Überwachung der Grenze Spaniens zu Marokko sowie ein Techno-Massenevent 1 bei dem interessanterweise keiner der dort Feiernden einen glücklichen Gesichtsausdruck aufweist.

Europa, quo vadis? Oder: Wir haben verdammt eine Verantwortung.

“Abendland” zeigt die Kluft und Widersprüchlichkeit eines Kontinents, schonungslos und in Nahaufnahme. Auf der einen Seite unserer westlichen Lebenskultur ein meist unsichtbarer Dienstleistungsapparat, auf dem all unser Komfort und Luxus fußt, die bis zur Perversion exerzierte Zwangsbeglückung und Massenunterhaltung. Auf der anderen Seite die hermetische Abriegelung der “Festung Europa”. Um den den Kuchen2 ja nicht teilen zu müssen.

Die Migrationspolitik ist laut Perchinig auch ein organisatorisches Problem, da hierzulande primär Mitarbeiter mit Polizeihintergrund mit MigrantInnen arbeiten. Gut fand ich persönlich vor allem die Aussage von Herrn Fassbender, dass die europäischen Staaten aus dem “nationalen Käseglockendenken” heraus kommen müssten. Die von Medien verbreiteten Bilder über die EU wären dabei laut Fassbender nicht sehr hilfreich.

Nikolaus Geyrhalter selbst sieht den Film auch noch unter einem anderen Aspekt – in 10, 20 Jahren werden wir vergleichen können, ob wir nicht nur “die Märkte” beruhigt haben sondern auch die großen gesellschaftlichen Probleme gelöst, es besser gemacht haben. Ja, auf uns lastet einiges an Verantwortung. Fazit: Unbedingt ansehen.

  1. ich versinke erneut im Kinosessel..
  2. der für die nächste Generation ohnehin kleiner werden wird

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